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209 - Apple Honey - Kurt Drabek - 1947
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, snookerbee, krammofoon, Charleston1966, Der_Designer
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snookerbee
Mi Dez 17 2014, 12:32

Registriertes Mitglied #166
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Einträge: 4660

Nachdem wir vor einiger Zeit eine Diskussion über die rhythmischen Qualitäten deutscher Tanzmusik im Vergleich zu den amerikanischen Originalen hatten ( > CLICK < ), möchte ich ein weiteres Beispiel aus der frühen Nachkriegszeit präsentieren. Auch hier ist es ein nachgespieltes US-Original. Es stammt von Woody Hermans Big Band und wurde für die Sextett-Besetzung von Kurt Drabek adaptiert.

Die eigentlich recht jazzige Melodie bleibt als solche erkennbar, aber hier in gedämpfter Bar-Atmosphäre ist sie tatsächlich jeder rhythmischen Schärfe beraubt. So klingt das Sextett trotz des schnellen Tempos eher konventionell. Die Themenvorstellung zieht sich, mit etwas klanglicher Abwechslung durch die Klarinette, über die Hälfte der Spieldauer hin. Dann bekommt der Gitarrist Solozeit. Er entfernt sich auch sofort von der Melodie. Sein Einstieg wirkt etwas suchend, ein schneller Lauf nach oben, grade noch rhythmisch richtig platziert, scheint auf sicheres Terrain zu führen. Dann jedoch bleibt das Solo an einer vorgefertigten Phrase hängen und nach interessantem Beginn ist das Solo schon wieder vorbei. Das folgende Vibraphon spielt flüssig und vorhersehbar, mündet in eine recht wirkungsvolle Riff-Figur mit Akkordeon. Die abschließende Passage vom Tenorsaxophon ist eigentlich kein Solo, sondern die Übernahme der Schlussmelodie aus der Herman-Aufnahme. An dieser Stelle kommt das Ensemble zum ersten mal richtig in Schwung für die letzten 40 Sekunden der Platte.

Ein interessanter Versuch, damals zeitgenössischen amerikanischen Swing in gediegene Barmusik zu verwandeln, die wohl allgemein bei den Veranstaltern eher akzeptiert wurde. Drabeks Gruppe kenne ich ohnehin nicht als wirklich jazziges Ensemble, so passt eigentlich wieder alles. Richtig swingen konnten andere sicher besser. Mir gefällt die Platte, weil stilistisch uneindeutig, dennoch ganz gut. Die Rückseite mit "Tea for two" kann ich bei Interesse gern auch noch präsentieren. Sie ist von der Titelwahl und der rhythmischen Ausführung her gelungener.



APPLE HONEY
Foxtrot
- W. Herman -
KURT DRABEK und sein Sextett
IMPERIAL
17 476
K-C 29 944

Aufnahme: 8. Dezember 1947 (Danke an Jitterbug!)

Handschriftlich auf dem Etikett steht das Datum 11.2.50.
Manchmal haben frühere Besitzer das Kaufdatum der Platte auf dem Etikett vermerkt.

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[ Bearbeitet So Dez 21 2014, 12:41 ]
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Mr_Swingtime
Mi Dez 17 2014, 14:32
Registriertes Mitglied #644
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Schöne schwungvolle und swingend Aufnahme! Gefällt mit sehr gut, obwohl meine Vorliebe für die swingende Musik der Schellackzeit spätesten 1950 endet und die 30-iger und 40-iger Jahre bevorzugt werden. Vielen Dank für diese schöne Aufnahme und viele Grüße Reiner
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Willi-H-411
Do Dez 18 2014, 11:33
Registriertes Mitglied #247
Dabei seit: Mi Okt 12 2011, 11:42
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Ist doch eine schöne Interpretation. Und wenn es sich um "Barmusik" handelt, auch stilmäßig korrekt. Ein solches Publikum wollte vielleicht nicht mit "heißen Rhytmen" beschallt werden.

Was das Aufnahmedatum betrifft, so dürfte das wohl spätestens 1948 gewesen sein, da auf dem Label noch der Vermerkt über die Millitärregierung zu lesen ist. Hier: > CLICK < findet man als letzte Matrizen-Nummer 29877 von 1943. Es könnte also durchaus sein, daß diese Platte 1944/45 aufgenommen wurde. Aber nichts Genaues weiß man nicht...

VG Willi
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snookerbee
Do Dez 18 2014, 11:54

Registriertes Mitglied #166
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 4660
Danke für Deine Anmerkungen zur "Militärregierung", Willi. Das hatte ich tatsächlich nicht bedacht. Somit ist eine Pressung und damit Aufnahme zu einem früheren Zeitpunkt möglich. Die amerikanische Originalaufnahme stammt vom Februar 1945.

Ich mag die Aufnahme auch, hatte ich ja oben schon geschrieben. Wenn Musik im Wandel ist und sich verschiedene Einflüsse vermischen wie in diesem Fall modernere und traditionellere Stile, dann gibt es immer interessante Ergebnisse.

VG Claus
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jitterbug
Do Dez 18 2014, 15:47
Registriertes Mitglied #501
Dabei seit: Mi Mär 27 2013, 16:49
Einträge: 754
Die Aufnahme "Apple Honey" entstand mit 5 weiteren Titeln in Berlin am 8.12.1947. Diese Information stammt von Kurt Drabek selber, ist aber auch in den vorhandenen Nachkriegsunterlagen der K-C-Matrizen zu entnehmen.

Dass Kristall/Imperial bereits 1943 die Aufnahmen eingestellt haben sollen, ist leider wieder so ein Märchen, dass Horst H. Lange entwickelte. Die letzten Aufnahmen von einem Tanz-Orchester mit der Bezeichnung Corny Ostermann entstanden im Frühjahr 1944 in Berlin. Das Orchester wurde von dem Pianisten Helmut Gardens geleitet, da Corny Ostermann selber seit mehreren Jahren in Königsberg bei der Reichspolizei eingesetzt war.

Aufnahmen unter der Bezeichnung Willy Berking entstanden in Prag unter Leitung des Pianisten Primo Angeli, der sich sehr präzise daran erinnerte, dass er an seinem Geburtstag, dem 7. Mai 1944, endlich auch Boogie-Woogie-Klänge mit hereinarrangieren konnte: K-C 29871 "Immer wieder Rhythmus".

So ist auch Henner Pfau leider den alten Irrtümern von Horst H. Lange aufgesessen, der übrigens laut eigener Aussage von 1941 bis zum Sommer 1945 nicht in Deutschland war, bis auf einen Heimaturlaub im Frühjahr 1942.
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snookerbee
Do Dez 18 2014, 16:38

Registriertes Mitglied #166
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
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Danke für die ergänzenden Informationen, Stephan!

VG Claus
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Mr_Swingtime
Do Dez 18 2014, 16:51
Registriertes Mitglied #644
Dabei seit: Do Jan 01 1970, 01:00
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Vielen Dank für die sehr interessanten Hintergrundinformationen. Da ich viele Schellackaufnahmen besitze, weiß ich, dass Kurt Drabek auch mit anderen Orchestern musiziert hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn Claus die Rückseite mit "Tea for two" noch mit beifügt, schon wegen dem tollen Rhythmus. Viele Grüße Reiner
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SchellackFreak
Sa Dez 20 2014, 14:49

Registriertes Mitglied #1
Dabei seit: Mi Sep 16 2009, 22:06
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Gefällt mir an für sich wirklich gut, dieser gediegene Sound dieser kleinen Gruppe. Generell gefallen mir musikalisch die Nachkriegsplatten auf Imerpial besser, als die veröffentlichten Solo-Platten auf Telefunken in den 1930er Jahren. Wobei natürlich auch der musikalische Inhalt ein anderer war. Danke für die schöne Überspielung!

Anbei noch ein Foto von Kurt Drabek. Entstanden Anfang-Mitte 1950 zu seiner Philips Karriere .


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snookerbee
So Dez 21 2014, 12:14

Registriertes Mitglied #166
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Einträge: 4660
Danke für das tolle Bild. Der Mann im Vordergrund mit dem Zettel in der Hand scheint das Programm zu leiten. Er erinnert mich an den Sänger Peter Rebhuhn. Kurt Drabek müsste der halb verdeckte Herr mit dem Akkordeon sein.
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Gast
So Dez 21 2014, 12:48
Gast
Der Herr mit dem Textzettel (!) sieht in der Tat aus wie Peter Rebhuhn...um nicht zu sagen : das ist er !

Gruß, Nils
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