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093 - Amiga Star Band 2 - Lady be good - 1948
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snookerbee
So Jun 15 2014, 13:03

Registriertes Mitglied #166
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Einträge: 4647

Als Antwort auf die Platte "Honeysuckel rose" der Amiga-Star-Band mit Helmut Zacharias im Archiv von gramofan spiele ich hier eine Aufnahme der zweiten Starband bei AMIGA.



Lady be good
Fox v. Gershwin
AMIGA-STAR-BAND II
Fritz Schulz-Reichel (p), I. Glusgal (d)
"Teddy" Lenz (b), "Mäki" Kasper (tp)
Rolf Kühn (cl), Walter Dobschinski (tb)
Amiga SONDERKLASSE
BESTELL-NR. A 1179
AM 1103

Aufnahme: Berlin, September 1948

Im Gegensatz zur Gruppe um Helmut Zacharias, wo es eine klare stilistische Linie gab (eine Einspielung mit modernem Jazz auf der Vorderseite, ein Swing-Stück auf der Rückseite), wird beim vorliegenden Session-Klassiker von George Gershwin alles durcheinander gewürfelt. Nach einem typischen Swing-Intro des Klaviers gibt es zunächst die Melodie als Dixieland. Diese Passage wird herrlich entspannt gespielt, klingt wie aus einem Guss. Danach wechselt die Stimmung schlagartig. Fritz Schulz-Reichel gibt eine Art George-Shearing-Imitation voller Blockakkorde, gefolgt von der quirligen Be-Bop Klarinette Rolf Kühn's. Das Mitglied des Henkels-Orchesters scheint sich beim Improvisieren selbst zu überholen. "Mäki" Kasper, der in diversen Gruppen immer die hohen Trompetensoli bekam, versucht sich hier an harmonisch eher ungewöhnlichen Tönen. Die soliden Beiträge von Walter Dobschinski und Teddy Lenz mit dem summenden Bass wandern stilistisch wieder auf bekannteren Pfaden.

Man findet auf dieser frühen Amiga-Jazzplatte schon jenen Gegensatz zwischen traditionellen und modernen Richtungen im Musikverständnis, der bei Zuhörern und Musikanten in den kommenden Jahren beinahe zu einem "Glaubenskrieg" werden sollte. Insgesamt hinterlässt die Aufnahme einen interessanten historischen Einblick in die Live-Jazz-Szene jener Jahre, auch wenn vielleicht nicht jeder Hörer den experimentellen Ausflügen der Solisten folgen mag. Zwiespältig ist auch die Tonqualität. Das schöne Swing-Stück "Mutiny in the Parlour" auf der Rückseite leidet stark unter der schlechten Pressung und unter nervigen Gleichlaufschwankungen.

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micha_hoernle
Fr Jul 31 2015, 03:09
Registriertes Mitglied #756
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Ja Claus, wie meist teile ich Deine Meinung. Es ist eben ein wenig stilistisch unausgegoren, eine Art Wundertüte all dessen, wie man damals musizieren konnte oder wollte - mit allerhand Anklängen an große Vorbilder von jenseits des Teichs. Am interessantesten ist das fast die exakte Slim-Gaillard-Kopie von Teddy Lenz mit diesem summenden Bass. Mich überzeugt das alles eher nicht, außer vielleicht Rolf Kühn (aber ich mag ja auch keinen Dixieland). Für mich hat das eher die Qualität eines Zeitdokuments. Und vor allem sollte man nicht vergessen, was damals alles auf Amiga noch möglich war. Im dunklen Reich der Polydor hätte es solche Experimente niemals gegeben.
Beste Grüße aus Heidelberg,
Micha
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snookerbee
Di Aug 11 2015, 12:15

Registriertes Mitglied #166
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 4647
Danke für Deinen Kommentar, Micha. Da liege ich ja nicht ganz daneben mit meiner Einschätzung.

Mich würde mal interessieren, wie gut sich solcherart Platten damals verkauft haben. Heute sucht man sie ja als Raritäten, aber wie war das kurz nach dem Krieg? Ich vermute, dass die Jazzer unter den Hörern doch eher weniger waren, als wir heute glauben wollen. Eine Rundfunkumfrage damals hat das auch bestätigt. Die Leute wollten lieber Geigen statt Blech hören: > CLICK <

Viele Grüße
Claus
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micha_hoernle
Mi Okt 21 2015, 01:35
Registriertes Mitglied #756
Dabei seit: Do Jan 01 1970, 01:00
Einträge: 143
Der Verkaufserfolg solcher Platten ist wohl schwer festzustellen. Vielleicht verkaufte sich das, was es eben gab. Deswegen gehören diese Platten auch nicht unbedingt zu den Raritäten, bei Ebay findet man sie relativ oft. Ich nehme eher an, dass die Plattengewaltigen, zumal bei Amiga, erstmal aufs Geratewohl pressten - ohne besondere Rücksicht auf den Publikumsgeschmack. Die von Dir zitierte Leserumfrage halte ich für durchaus repräsentativ: Jazz war eben immer eine Nische. Wenn auch nicht unbedingt bei der Jugend, die sich vielleicht eher weniger an so etwas beteiligte. Meine Vermutung daher: Deutscher Jazz nach 45 hatte es immer schwer, wenn er nicht gerade in die Rundfunktanzorchester hineingemogelt wurde.
Das Jazzprogramm im Rundfunk war nie besonders ausgeprägt, man erinnere sich nur an die NWDR-Krise anno 48, als reihenweise Jazzprogramm abgesetzt wurden. Auch der sonst so progressive Bayerische Rundfunk versteckte seine legendäre "Mitternacht in München" von Jimmy Jungermann immer mehr im Programm. Im Grunde gab es nur Jazz, zu bestimmten "Slots" - außer wenn die RTOs aufspielten. Meine Mutter schwärmt immer noch von Henri Reginers "Mitternachtscocktaill" am späten Samstagabend, wenn der NWDR deutschlandweit die heißen Platten aus Übersee spielte. Aber immerhin: Selbst "Gong" und "Hörzu" informierten über die Jazz-Sendungen in einer eigenen Rubrik. So ganz bedeutungslos war dann dieses Segment dann doch nicht.
Und wenn ich die Autobiografie von Karlheinz Drechsel recht gelesen habe, gab es gerade bei der DDR-Jugend ein ungeheures Interesse für diese Musik. Alles in allem: kein klares Bild, aber auch kein allzu Günstges, was die Vorstellung, der Jazz sei die neue Musik nach dem Krieg, so richtig befördert.
Mir wäre es ja auch anders lieber.
Beste Grüße aus Heidelberg
Micha
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