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Professor Willy Burmester "Gavotte (Rameau)/Arioso (Händel)" (1909)
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, snookerbee, krammofoon, Charleston1966, Der_Designer
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Musikmeister
Sa Mai 18 2019, 17:33
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Professor Willy Burmester (1869-1933) konnte man nur schwerlich dazu bewegen, Plattenaufnahmen zu machen, da dieser von der Aufnahmequalität nicht überzeugt war. Im September 1909 war es dann soweit.
An einem Tag wurden 8 Aufnahmen gemacht und auf 4 Grammophon-Platten gebannt (2x 25cm „Concert“-Platten und 2x 30cm „Monarch“-Platten). Kurz vor der Aufnahmesitzung hat sich Burmester beim Geigenhändler Robert Beyer eine Violine für 100.000 Mark gekauft, die er auch für die Plattenaufnahmen spielte. Von dieser Summe hätte Burmester sich zur damaligen Zeit 20.000 seiner zumindest beiden 25cm „Concert“-Platten kaufen können. Der begleitende Pianist ist leider nicht namentlich bekannt, müsste aber mit hoher Wahrscheinlichkeit Imre Emerico Stefaniai (1885-1959) sein, der Burmester auch auf Konzerten begleitete.

Die beiden „Concert“-Platten besitze ich und diese waren im Wert mal mit den Comedian Harmonists vergleichbar im dreistelligen Eurobereich, obwohl zu der Zeit massig der 4 Platten produziert wurden. Von 1910 bis ca. 1928 waren alle 4 Platten verfügbar, erst mit dem Aufkommen der elektrischen Aufnahmen verschwanden sie aus dem Katalog. Zur Zeit des 1.Weltkrieges wurden Abzüge vom 10.Stamper gezogen, in den 20er Jahren dann schon vom 30.Stamper.
Auf ebay und YouTube kann man schön die verschiedenen Etikettvarianten vergleichen.

Willy Burmester schrieb 1926 auch ein Buch, welches ich zur Lektüre empfehlen kann.



Professor Willy Burmester, Berlin
"Gavotte"
von Jean-Philippe Rameau
Aufnahme: 27.09.1909
VÖ: Februar 1910
Grammophon 61890
mx. 1733 ab



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Professor Willy Burmester, Berlin
"Arioso"
von Georg Friedrich Händel
Aufnahme: 27.09.1909
VÖ: April 1910
Grammophon 61891
mx. 1734 ab



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[ Bearbeitet Sa Mai 18 2019, 18:14 ]
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livschakoff
Sa Mai 18 2019, 21:13
Registriertes Mitglied #483
Dabei seit: Do Feb 21 2013, 13:55
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Vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag zu einem heute völlig vergessenen Musiker! Immerhin hatte Sibelius sein (heute weltberühmtes) d-moll-Violinkonzert Op.47 diesem Geiger zugedacht(, der es allerdings dann doch nicht zur Uraufführung brachte); angesichts der spieltechnischen Schwierigkeiten dieser Komposition läßt sich der künstlerische Rang Burmesters heute immerhin noch erahnen. - Danke auch für den Buchtipp - ich habe mir das Buch gleich bestellt.

[ Bearbeitet Sa Mai 18 2019, 21:14 ]
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livschakoff
Sa Mai 25 2019, 15:13
Registriertes Mitglied #483
Dabei seit: Do Feb 21 2013, 13:55
Einträge: 560
Nach Hören aller seiner verfügbaren Aufnahmen (und nach Lektüre des Buches!) kann ich behaupten, daß Burmester zu den besten und musikalisch hochqualifizierten Geigern zählt, die ich kenne. Interessant ist insbesondere dessen Urteil über den jungen Jascha Heifetz, den er als Musikautomaten bezeichnet hat. - Die künstlerische Kompromißlosigkeit Burmesters führte selbstverständlich zu Vorbehalten gegenüber der ungenügenden akustischen Qualität damaliger Plattenaufnahmen. Leider sind Nachkriegsaufnahmen (nach 1918) nicht mehr vorhanden. Zur damaligen Zeit waren mehrere Plattenseiten füllende Aufnahmen konzertanter Werke leider noch die absolute Ausnahme, und nur solche würden einem abgerundeten Bild dieses Künstlers vollends gerecht werden.
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Musikmeister
Sa Mai 25 2019, 17:57
Registriertes Mitglied #226
Dabei seit: So Aug 21 2011, 21:23
Einträge: 1032
Du bist aber schnell mit der Lektüre!
1928/29 waren noch 3 akustische Solo-Platten mit Violinaufnahmen im Katalog der Deutschen Grammophon übrig geblieben. 2 von Fritz Kreisler und 1 von Professor Dr. Josef Joachim, dessen Schüler Burmester selbst war.
Für elektrische Neuaufnahmen von Violine-Solo-Platten standen Paul Godwin usw. zur Verfügung.
Bachs Air (Richard Heber) sowie das hier gesendete Gavotte von Rameau (Gustav Link) wurden neu aufgenommen und scheinbar für künstlerisch wertvoller gehalten als die „alten“ akustischen Burmester-Aufnahmen.
Burmesters politische Ansichten z.B. zum Ausbruch des 1.Weltkrieges im genannten Buch mögen vielleicht durch seinen Tod noch vor dem Machtwechsel in der Rückschau Schlimmeres bzgl. seines Künstlerrufes verhindert haben. Ein späterer Propagandaminister notierte im März 1931 „Professor Burmester besucht mich. Ein feiner alter und doch junger Herr. Ganz bei uns. Der berühmte Geiger ist wohl etwas eitel. Aber so sind sie alle.“
Übrigens: Schüler des mutmaßlichen Pianisten der hier gesendeten Aufnahmen, Imre Emerico Stefaniai, war in den 1930er Jahren ein Herr namens Géza Anda.

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livschakoff
So Mai 26 2019, 01:41
Registriertes Mitglied #483
Dabei seit: Do Feb 21 2013, 13:55
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Auch wenn Godwin ein wirklich guter und von Vielen unterschätzter Geiger gewesen ist, so reicht er an Burmester sicherlich nicht heran - das wage ich zu sagen, obwohl mir nur die akustisch mangelhaften Aufnahmen zum Vergleich zur Verfügung stehen. (Mit Godwin besitze ich aus dem E-Musik-Bereich die komplette Violinsonate G-Dur von Edvard Grieg - bei youtube zu hören.) Da steht Livschakoff meiner Ansicht nach auf einer noch höheren Stufe als Godwin oder selbst als von Geczy.
Last not least: Mit Geza Anda "schließt sich der Kreis": Der begnadete und leider allzu früh verstorbene Pianist Geza Anda hatte einen bevorzugten Klaviertechniker und -stimmer, nämlich einen gewissen Horst Filipski; dessen Enkel heißt Boris Filipski und hat vor zwei Wochen eines meiner Instrumente neu intoniert und gestimmt. Auch Boris versteht sein Handwerk blendend...
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