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583 - The man I love - Rytmus 48 - 1948
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, snookerbee, krammofoon, Charleston1966, Der_Designer
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snookerbee
Do Sep 27 2018, 18:11

Registriertes Mitglied #166
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"Monk & Miles" aus Prag ...


Getreu dem Motto (Danke an Grammophoniker!), dass abgespielte Platten nicht wertlos sind, wenn man sich nur richtig um sie kümmert, sende ich hier die Bearbeitung einer für mich sehr außergewöhnlichen Aufnahme, die leider von Stahlnadeln stark gefoltert wurde.

Diese Ultraphon-Pressung dürfte recht selten zu finden sein, wenn man davon ausgeht, dass (lt. Jazzdisco.org) das Orchester „Rytmus 48“ nur zwei Schellackplatten bespielt hat. Das sind vier Aufnahmen und eine fünfte gibt’s wohl noch auf LP. Die Musik des Orchesters war mir bis zum Kauf der Platte (und der zweiten) auch völlig unbekannt, hingegen der musikalische Stil weist deutlich in Richtung USA. Genauer gesagt: Modern Jazz. Was hier 1948 (!) in Prag von einheimischen Musikanten gespielt wurde, wird vielleicht eher verbunden sein mit Thelonious Monk und Miles Davis auf Blue Note zu Beginn der 1950er Jahre, als dieser mehr spröde distanzierte als verbindliche Klang dann weltweit bekannt wurde. Mich erinnert die Musik in ihrer Stimmung an Louis Malles französischen Film „Fahrstuhl zum Schafott“ von 1958, bei dem ja Miles Davis die Musik live zu den Bildern auf der Leinwand improvisierte.

Sehr originell ist auf der tschechischen Platte die weitestgehende neue Harmonisierung der bekannten Melodie von George Gershwin, wobei zwar die rhythmische Struktur des Themas beibehalten wird, aber die einzelnen Stimmen auf andere Intervalle springen, als es der Komponist vorgesehen hatte. Im Ergebnis muss man sich erst an die Veränderungen gewöhnen, jedoch nach mehrmaligem Hören erscheint alles ganz logisch. Die Klangfarbe der Klarinette bereichert zudem den Sound des Ensembles ungemein, auch wenn sie nicht solistisch in Erscheinung tritt. Leider weiß ich nichts zum Personal des Orchesters zu sagen, als das was schon auf dem Etikett zu lesen ist.

Alles in allem: eine klassische Jazz-Ballade, gehörig gegen den Strich gebürstet und mutig dem verblüfften Hörer präsentiert – das ist eine Musik, wie ich sie liebe und die durchaus ein paar Wiederherstellungsbemühungen verdient.

Denn abgespielte Platten sind nicht wertlos!



THE MAN I LOVE
George Gershwin
Slowfox
Arr. V. Horčík
RYTMUS 48
"Dunca" Brož, trubka, Č. Stuchlý, tenor sax.,
H. Langer, alt sax., kla., M. Vrba, bici,
B. Ziarko, basa, V. Horčík, piano,
ULTRAPHON C 15119
45692

Aufnahme:
6. April 1948, Prag

Techniker:
VA.

Besetzung:
Lumír "Dunca" Brož (tp)
Harry Langer (as,cl)
Čestmir Stuchlý (ts)
Vladislav Horčík (p)
Bolek Ziarko (b)
Mirek Vrba (dr)


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[ Bearbeitet Di Okt 02 2018, 23:07 ]
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Grammophoniker
Sa Sep 29 2018, 09:07
Registriertes Mitglied #337
Dabei seit: Mi Mär 14 2012, 18:42
Einträge: 485
Vielen Dank, Snookerbee für Deine lohnenswerte "Aufarbeitung" der Platte und die daraus entstandene interessante Sendung. Die Aufnahmen klingen sehr modern und die Interpretation geht ganz gut ins Ohr.
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snookerbee
Sa Sep 29 2018, 22:11

Registriertes Mitglied #166
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 4646
Deine Rückmeldung freut mich sehr :-))

Ich denke auch, das würde heute so gespielt noch/wieder "durchgehen" als Jazzplatte. Mit natürlich dann auch besserer Klangqualität.

VG Claus
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Nostalphon
So Sep 30 2018, 17:00
Registriertes Mitglied #678
Dabei seit: So Apr 06 2014, 08:02
Einträge: 2109
Wirklich eine herausragende Platte und eine sehr gelungene Beschreibung des Musikstils.

Rainer Künzler (http://www.rcc78.de/rccszene.html), der Veranstalter der Grammophonbörse in Beilstein, sagte mir mal vor paar Jahren, dass er sich nun den tschechischen Schellackplatten zuwenden möchte. Vielleicht weiß er mehr zu dem Orchester zu berichten.

Beste Grüße
Jürgen
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snookerbee
So Sep 30 2018, 19:34

Registriertes Mitglied #166
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 4646
Herzlichen Dank für den lieben Kommentar, Jürgen!

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass die Gruppe um den Trompeter Lumír "Dunca" Brož, den Pianisten Vladislav Horčík und den Schlagzeuger Mirek Vrba ihren Gruppennamen immer an das Jahr angepasst hat. Also hieß die Gruppe 1948 dann "Rytmus 48", ein Jahr später eben "Rytmus 49". Die drei genannten Musiker spielten von 1942-44 und 1947-1949 zusammen. Aufnahmen gibt es noch von 1942 (YT-Kanal fortna4).

VG Claus
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obbbs
Di Okt 02 2018, 20:01
Registriertes Mitglied #209
Dabei seit: Mo Aug 08 2011, 23:10
Einträge: 289
Auch ich möchte mich nachträglich unter die Danksagenden einreihen: Wohl eine kleine Sensation, was hier zu hören ist, werden doch auf dieser Platte partiell Entwicklungen des amerikanischen Jazz gewissermaßen antizipiert. Rein davon abgesehen zählt natürlich der erhebliche Hörgenuß!

BG, Oliver
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micha_hoernle
Sa Jan 12 2019, 01:07
Registriertes Mitglied #756
Dabei seit: Do Jan 01 1970, 01:00
Einträge: 143
Schon ziemlich erstaunlich, was damals hinter dem noch ganz jungen Eisernen Vorhang zu hören war. Das mehrt nur meine Vermutung, dass bis 1949/50 noch eine Menge jazzmäßig möglich war, bis der Hochstalinismus richtig rigide wurde. In Polen und in Ungarn - mal ganz von der SBZ zu schweigen - gab es auch eine recht große Jazzszene und einige "heiße" Aufnahmen, doch die von "Rytmus 48" sind wohl die stilistisch ungewöhnlichsten. Sie sind gar nicht mal so selten, ich stolpere bei Auktionen immer mal wieder drüber. Einmal abgesehen davon, dass die Tschechoslowaken mit Musikern oder Orchesterleitern vom Schlage eines Karel Vlach oder Karel Krautgartner wirklich reich bedient waren.
Insofern: Vielen Dank fürs Senden und keep swinging,
Micha
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snookerbee
Sa Jan 12 2019, 16:59

Registriertes Mitglied #166
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 4646
Ich habe gelesen, dass der amerikanische Kritiker, Publizist und Produzert Leonard Feather von diesen Aufnahmen, speziell vom Klang des Trompeters "Dunca" Brož tief beeindruckt war. Es schien ihm beinahe wie ein Wunder, weil die Musiker den Geist der modernen Jazzentwicklung so präzise erfassen konnten, obwohl sie nie vorher die Musik live erlebten und alles nur durch das Studium der spärlich vorhandenen Schallplatten erlangten.

Mich haben die 45er und LP's der tschechischen, polnischen und russischen Jazzmusiker, die ich damals in der DDR finden konnte, schon immer fasziniert. Da schwang etwas mit, das stilistisch vergleichbaren deutschen Aufnahmen fehlte. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Nennen wir es ein intensiveres Durchdringen der Musik vor dem Hintergrund regionaler Erfahrungen...

VG Claus

[ Bearbeitet Sa Jan 12 2019, 17:00 ]
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