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486 - Cake Walking Babies - Mutt Carey (mit Albert Nicholas) - 1947
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Charleston1966
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snookerbee
Do Aug 03 2017, 23:00 Druck Ansicht
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3649

Seit den späten 1930er Jahren gab es in den USA einerseits die Entwicklung zum modernen Jazz, andererseits eine Rückbesinnung auf die Musik aus New Orleans um die vorangegangene Jahrhundertwende. Der Swing war der verbindende Rhythmus, aber der gleichnamige populäre Musikstil, der praktisch die musikalische Mitte ausmachte, verlor im Laufe der 1940er Jahre besonders für junge Musikfans aus den studentischen Kreisen mehr und mehr an Reiz.

Die Musikfans der Rückbesinnung (Revival) entdeckten dabei nicht nur die frühen Plattenaufnahmen des Jazz wieder, sondern auch mache längst vergessenen und gealterten Künstler, die über die Jahre hinweg in ganz anderen Berufen gearbeitet hatten. Ihnen wurden dadurch Auftrittsmöglichkeiten angeboten, sie durften in der Musikpresse ihre Lebensgeschichte erzählen und bekamen teils erstmals die Gelegenheit zu Plattenaufnahmen. Aus heutiger Sicht sind diese Platten natürlich ein unwiederbringliches Zeugnis, aber sie entstanden leider auch Jahrzehnte nach der physischen und künstlerischen Hoch-Zeit der wieder entdeckten Musiker. Nicht selten offenbaren solche Revival-Platten rhythmische Probleme und Intonationsschwächen der gealterten Solisten und man fragt sich enttäuscht, wie die Musik wohl in ihren Jugendjahren geklungen haben mag.

Die Musiker auf dieser Platte waren 1947 wahrscheinlich beruflich im Großraum New York beschäftigt, wie der Bandname ja sagt. Jedoch stammten fünf von den sieben Mitwirkenden aus dem geografischen und damit verbundenen musikalischen Umfeld von New Orleans. So auch Mutt Carey, der wieder entdeckte Musiker hier, der 1891 geboren wurde. Er bleibt trotz der recht solid ausgeführten Melodiestimme weitestgehend im Hintergrund, spielt kein Solo. (Ein solches auf der Rückseite klingt wie oben beschrieben: klapprig.) Er wird aber unterstützt von etwas jüngeren Kollegen, die mit ihm zusammen ein kleines Feuerwerk entzünden. Wobei Albert Nicholas an der Klarinette schon der nächsten Generation von New Orleansern angehörte (wie auch Louis Armstrong). Diese etwa zehn Jahre jüngeren Musiker konnten sich noch gut an die Änderungen im "Business" anpassen, als mit Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg in New Orleans die Vergnügungslokale geschlossen wurden. Sie zogen nach Norden, lernten neue Techniken, modernere Rhythmen, waren dadurch gefragter für Jobs als Careys Generation und machten Chicago und New York zu den kommenden Jazzmetropolen.

Die Mitwirkung von Albert Nicholas ist ein wunderbares Plus dieser Aufnahme. Seine speziell verschnörkelte Spielweise und das ganz typische schnelle Vibrato auf einem anschwellenden Ton machen ihn unverwechselbar. Die technische Meisterschaft seines Spiels konnte er über viele Jahre behalten. Neben dem spannenden Ensemblespiel, in dem er immer wieder die Führung zu übernehmen scheint, ist das Solo, das nur er allein hier spielen darf, eine tolle Anerkennung seiner Fähigkeiten durch die Kollegen.

Jimmy Archeys Posaune sollte nicht unerwähnt bleiben. Sein Drive im Ensemble übertrifft noch die gesamte Rhythmusgruppe, die hier leider durch die Aufnahmetechnik etwas unterbelichtet erscheint. Baby Dodds aus der King Oliver-Band von 1923 sitzt am Schlagzeug dabei, ist aber meist nur zu erahnen.
Zeit für Musik: Zur Hitze gehört ... HITZE !




CAKE WALKING BABIES
(Williams - Smith - Troy
MUTT CAREY'S NEW YORKERS
Mutt Carey, trumpet. James Archey, trombone.
Al Nicholas, clarinet. Hank Duncan, piano.
Danny Barker, guitar. Pops Foster, bass.
Baby Dodds, drums.
18.11.47
Esquire 10-064
(104)

Im Wachs:
PART 7754
M3-120712
MC 104-2
CT
B

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Limania
Fr Aug 04 2017, 09:27
Dabei seit: Mo Mai 21 2012, 15:14
Einträge: 1799
Tolle fetzige Scheibe
Die hätte bestimmt auch unserem Uli gefallen...
Vielen Dank für die flotte Sendung und für die vielen interessanten Informationen dazu.

LG Limania
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schiebermaxe23
Fr Aug 04 2017, 10:15
Radiohörer
Dabei seit: Mi Mai 18 2016, 10:56
Einträge: 449
Sehr interessant.
Viele Grüße
schiebermaxe23
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Mr_Swingtime
Fr Aug 04 2017, 22:04
Dabei seit: Do Jan 01 1970, 01:00
Einträge: 1325
Sehr schöne jazzige Platte, die uns in Gedanken nach New Orleans entführt. Wunderschön anzuhören und vielen Dank, Claus, für die umfangreichen Hintergrundinformationen. Das ist das Schellackradio, wie wir es lieben!
Viele Grüße von Reiner.
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78erhortig
So Aug 06 2017, 16:07
Dabei seit: Do Apr 04 2013, 12:53
Einträge: 1092
sehr schöne Platte. Hier ein paar Worte zum New Orleans Jazz Revival. dieses gab es nur an der West Coast, wo einige junge College boys ehemalige N.O. Größen in LA und Seattle gefunden haben. Der wohl wichtigste Entdecker war der excellente Pianist Johnny Wittwer, der wiederum einen NO Jazzverückten, den Chirurgen Exner kannte und ihm erzählte nachdem er Joe Darenbourgh in einem Kaff bei Seattle gehört hatte: " stell Dir vor, in Seattle lebt ein NO Jazzer". Und Exner beschloss ein eigenes Label zu gründen, "Exner" das später zu "Jazz Man "wurde, nachdem auch der berühmte Plattenladen ( hierzu gibts ein feines Buch von Cary Ginell). Nach Darenbourgh wurde auch Kid Ory in L.A. gefunden, und die beiden holten für ihre Gruppen die längst in Vewrgessenheit geratenen Größen wie Nicholas, Pops Foster etc. an die West Coast. Außerdem lebte Jelly Roll die letzten Jahre bei seinem Schwager Dink Johnson in S.F. was auch wesentlich zur verbreiterung der frühen N.O. Musik begetragen hat. UNd der größte "Verbreiter<" war natürlich der "Club Hangover" an der Bush street, die praktisch unter dem Namen "Revival Jazz" neben den obgenannten auch Größen wie Ralph Sutton oder Earl Hines geholt haben. Letzterer war ja ziemlich am ENde, weil er wie so viele auf Big Band Jazz gesetzt hatte und unfähig war, wie HAmpton, den R&B in diese Musik zu lassen. Aus dem Hangover wurde auch mehrmals die Woche eine halbe Stunde live im Radio übertragen. Hievon sind voriges Jahr einige wunderbare Doppel CD`s erschienen mit total unbekannten Material. Ich hab daraus hin 7 bisher ungehörte Meade Lux Lewis Titel gefunden und gekauft, selbiger, war eine Legende in L.A. und war dort fast 3 Jahre als intermission pianist tätig, ein Job der sehr gut bezahlt wurde. Hier ein Bild von Lewis aus dem Hangover

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snookerbee
So Aug 06 2017, 22:09
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3649
Eine sehr interessante Ergänzung! Danke dafür, Michl.
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