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474 - Salt Peanuts / Shaw'Nuff - Charlie Parker & Dizzy Gillespie - 1945
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Charleston1966
Autor Eintrag
snookerbee
Fr Jun 30 2017, 00:53 Druck Ansicht
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3649

Die klassische Bebop-Platte

Dizzy Gillespie (tp)
Charlie Parker (as)
Al Haig (p)
Curly Russell (b)
Sidney Catlett (d)

New York, 11. Mai 1945


Im Original waren diese beiden Aufnahmen bei der Firma GUILD als Kopplung auf zwei Seiten derselben Platte Guild 1003 erschienen. Das Label gehörte zu den vielen kurzlebigen und unabhängigen Firmen, die um 1945 in New York zur Dokumentierung der frühen Bebop-Bands beitrugen. Siehe auch: > CLICK < Die hier vorgestellten Plattenseiten wurden dann von der größeren Firma MUSICRAFT getrennt wiederverwertet. Diese Weitergabe der Matrizen abgewirtschafteter Firmen war wohl damals gängige Praxis. Die daraus resultierende Rechtslage ist jedenfalls undurchschaubar, weshalb die Aufnahmen während der LP/CD-Ära massenhaft auf Veröffentlichungen zu finden sind. Die hier noch relativ zeitnah zur Originalaufnahme erschienenen Musicraft-Pressungen geben dann leider schon den qualitativen Standard vor, der für spätere Ausgaben der Titel üblich werden sollte. Vermutlich liegt das an dem doch sehr schlechten Pressmaterial der frühen Nachkriegsjahre.

Die hier gespielten Aufnahmen sind eine Fortsetzung der LOVER MAN-Sendung aus der vorigen Woche: > CLICK < Dieser Titel wurde in der selben Sitzung aufgezeichnet. Die junge Sängerin Sarah Vaughan gehörte damals zum Kreis den "Neutöner" und sang in der Bigband von Dizzy Gillespie, der sie einlud, einen Titel seiner GUILD-Aufnahmen zu singen. Das hat Sarah auch sehr cool getan und ihren Namen in die Welt getragen. (Manchmal hört man dabei noch Ella heraus.) Aber Dizzys Bestreben war es natürlich, die heißen Instrumentalnummern der Bebopper den Plattenhörern nahe zu bringen. So soll es hier nun auch geschehen.

Die Nummern werden in rasantem Tempo vorgetragen, welches den Spielern einiges an Virtuosität ab verlangt. Dennoch wirkt das ganz natürlich und voller Frische und Lebensfreude, wie eine musikalische Verjüngungskur. Nach langen Jahren in den Big Bands waren damals viele Musiker faul geworden. Sie konnten die verlangten Klischees spielen, wirkten aber auch müde und uninspiriert. Nachdem die mit dieser Situation unzufriedenen Bebopper ihre neuen und aufregenden Schöpfungen vorgestellt hatten, sollten ihre Melodien für die viele Instrumentalisten in den Unterhaltungsorchestern ab Ende der 1940er Jahre ein neuer Standard werden. Hier hören wir sicherlich die Ursprünge der folgenden 25 Jahre Jazzentwicklung.

Dizzy lässt seinem Altsaxophonisten in den beiden Aufnahmen Vortritt bei den Soli. Er sagte später, das hätte ihn selbst mehr inspiriert. Parker spielt wirklich "auf des Messers Schneide". Jederzeit ist ein Absturz möglich. Man hört ein kurzes Zögern am Anfang des Solos nach dem Klavier in "Salt Peanuts", aber dann ist wieder alles im Fluss. Und Dizzy hat in dieser Nummer einen lustigen Draht zum Publikum. Durch witzige Vokaleinfälle machte er auch später seine Musik immer wieder publikumswirksamer. "Salt Peanuts" ist wohl die moderne Version des "Peanut Vendor" und war damals eine Hymne der Bop-Fans.

Der Schlagzeuger der Band sollte nicht unerwähnt bleiben! "Big Sid" Sidney Catlett hatte bereits eine beachtliche Karriere in Bands von Armstrong, Bechet oder Goodman, als er sich mit den jungen Musikern des Bop nicht nur im Studio, sondern auch live traf. Für ihn gab es keine Schwierigkeiten, sich dieser Spielart des Jazz anzupassen. Die hier zu hörende Gruppe trat im selben Jahr in der New Yorker Town Hall auf und die dort angefertigten Aufnahmen sind ein sehr interessanter Vergleich. Big Sid hat dabei auch längere Solozeit: > CLICK <

Es ist das Recht der Jugend, die Welt umzukrempeln. Charlie "Bird" Parker war zum Zeitpunkt der Aufnahmen 25 Jahre alt, Dizzy Gillespie drei Jahre älter. Sie waren auf der Höhe ihrer Kraft. Für die beiden wichtigsten Bop-Pioniere verlief das spätere Leben sehr verschieden. Bird hatte schon 1945 Drogenprobleme und verstarb zehn Jahre später an den Folgen. Er hatte vermutlich alles auf seinem Instrument bisher machbare gespielt. Dizzy lebte ein gesundes Leben bis 1993. Seine Musik war immer aufregend, wenn auch in den späten Jahren geplagt von Lippenproblemen, die seine Virtuosität einschränkten. Beide Musiker haben eine wunderbare und spannende Welt für uns Plattensammler hinterlassen.




SHAW 'NUFF
(Parker-Gillespie)
DIZZY GILLESPIE
and his
All Star Quintette
Musicraft 354 B
(5389)

Im Wachs:
[handschriftlich]
566-D2
BU

Du bist nicht angemeldet:





SALT PEANUTS
(Gillespie-Clarke)
DIZZY GILLESPIE and his ORCHESTRA
Musicraft 518
( 565)

Im Wachs:
[handschriftlich]
MU-565-DI

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alang
Mo Jul 03 2017, 19:31
Dabei seit: Di Jun 12 2012, 19:52
Einträge: 1102
Das sind ja wirklich rasante Stuecke. Da kommt man schon vom Zuhoeren ausser Atem. Vielen Dank fuers Vorstellen und fuer die Background-Informationen.
Andreas
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schiebermaxe23
So Jul 09 2017, 14:56
Radiohörer
Dabei seit: Mi Mai 18 2016, 10:56
Einträge: 449
Sehr schöne Aufnahmen, einfach toll !
Danke für Deine Sendung.
Viele Grüße
schiebermaxe23
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