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472 - Star Dust - Louis Armstrong - 1931
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Charleston1966
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snookerbee
Do Jun 22 2017, 23:33 Druck Ansicht
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3726
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STAR DUST ist vermutlich eine der romantischsten Balladen der 1920er Jahre und zählt ganz sicher zu den bekanntesten Kompositionen von Hoagy Carmichael. Es wird in dieser Hinsicht vielleicht nur noch übertroffen von "Georgia On My Mind", ebenfalls aus seiner Feder. Das Lied vom Sternenstaub blieb für uns bis in die Gegenwart lebendig. Vor wenigen Jahren hat Rod Stewart es für seine Songbook-CDs gesungen. Woody Allen verwendete das Lied in Louis Armstrongs Fassung in einem seiner Filme als namensgebende Musik (Stardust Memories, 1980). Aus den frühen 1960ern ist die atemberaubende Version von Nat King Cole zu nennen, der es in einem beinahe stehenden Tempo vorträgt. In dieser Sendung gibt es Louis Armstrongs frühe Fassung von 1931.

Obwohl das Lied schöne Gesangsversionen hervorbrachte, war es für Jazz-Instrumentalisten kein Selbstläufer. Ich denke, der große Spannungsbogen, der durch die Komposition vorgegeben wird, ebenso wie die zwingende Melodie, macht es den improvisierenden Künstlern schwer, daraus eigene und ebenso zwingende Ideen zu entwickeln. Es gibt zwar Live-Aufnahmen des Liedes, von einem Lionel Hampton-Konzert sogar eine gut viertelstündige Improvisation. Die großen Balladeninterpreten Ben Webster, Don Byas, Lester Young und Charlie Parker haben ihre Sicht des Liedes live hinterlassen. Aber mir fällt keine bahnbrechende Studioversion ein, die die Jazzwelt nachhaltig beeinflussen konnte. Der Lyriker Bix Beiderbecke wäre sicher ein hervorragender Interpret von "Star Dust" gewesen, aber er hat dieses Meisterstück nie eingespielt.

Schallplatten waren ja damals noch ein wichtiger Weg, musikalische Einflüsse weiterzugeben. Deshalb kommt der einzigen Einspielung Armstrongs - zwei erhaltene von vier Takes vom selben Tag - einige Bedeutung zu. Hier präsentiert der führende Jazztrompeter seiner Zeit seine ganz eigene Sicht auf eine außergewöhnliche Pop-Ballade.

Louis Armstrongs und Hoagy Carmichaels Wege kreuzten sich über die Jahre hinweg immer mal wieder. Hoagy sang 1929 ein Duett mit Louis auf Platte, welches Carmichaels Komposition "Rockin Chair" weithin bekannt machte. Beide Musiker hatten einen "guten Draht" zueinander. Sie verband die Vorliebe für Songthemen aus den Südstaaten und Hoagy hatte einige dieser Nummern geschrieben. Zu nennen sei noch "Lazy River", auch lange in Satchmos Repertoire. Hoagy dankte es Louis im Jahre 1970 zu dessen vermeintlich 70sten Geburtstag mit einer Laudatio auf den Jubilar.

Was macht nun Armstrongs "Star Dust" bemerkenswert? Da ist zunächst das ungewöhnliche Tempo. Für eine romantische Ballade deutlich zu schnell, scheint Louis uns sagen zu wollen: "Allzu viel Sentimentalität könnt ihr von mir nicht erwarten". Vielmehr erinnert das Tempo mit seinem stampfenden Rhythmus eher an einen R&B-Song der 1950er Jahre. Man kann einfach nicht ins Träumen kommen, sondern wird immer wieder mitgerissen.

Dann spielt Louis das eigentliche Solo noch vor seinem Gesangsteil. Die Platte beginnt sofort mit einer sehr beweglichen auf- und absteigenden Melodie-Variation, so dass man das originale Thema nur erahnen kann. Ganz unüblich bei herkömmlichen Dancebands.

Der anschließende Gesang folgt dem selben Konzept. Die tatsächliche Melodie kommt nicht zur Ausführung. Würde man King Coles Version mit der Armstrongs vergleichen, ginge der Preis für präzise Umsetzung sicher nicht an Louis Armstrong. Er komprimiert praktisch den Tonumfang und singt die Worte auf ein und dem selben Ton, mit starker rhythmisch Wirkung. Kennen wir das nicht von moderner Rap-Musik?

Zeit fürs Solo (Zur Erinnerung - Das eigentliche Solo hörten wir schon zu Beginn!): Louis reduziert auch nach dem Gesang die Melodie auf wenige entscheidende Noten und vermeidet besonders virtuose "Runs". Entscheidend ist, wie er die wenigen Noten klanglich umsetzt. Er schwelgt praktisch im Klang seiner Trompete, deren Noten er zudem bestechend präzise und wirkungsvoll rhythmisiert.

Die Reduktion der Bewegung im Schlußsolo und die Konzentration auf den Klang sollte in diesen Jahren ein markantes Zeichen von Armstrongs Spiel werden. Als Ursache dafür klingt folgende Erklärung plausibel. Tatsächlich hatte Louis ein extrem vollen Terminkalender Zeit seines Lebens. Für einen Blechbläser kann das problematisch werden. Es wird öfter berichtet, dass Armstrongs Lippen bluteten. 1934 musste Louis nach seiner Europatour wochenlang pausieren. Vermutlich hatte er durch falsche Technik einen Ansatz entwickelt, der die Lippen zu sehr belastete. Hätte er als Jugendlicher ordentliche Unterrichtsstunden erhalten, wäre das wohl zu beeinflussen gewesen. Sehr wahrscheinlich hätte er dann aber seinen goldenen Ton so nicht entwickelt. Jedenfalls ist genau dieser Ton das magische Moment in der Schlusssequenz von "Star Dust".

Leider ist der Aufnahmeklang dieser Platte alles andere als magisch. Zwar wird der Star in den "rechten Ton gerückt", aber das nicht mal so große neunköpfige Orchester klingt, besonders während des Gesangs, seltsam abwesend. Wohl gab es auch kein wirklich ordnendes Arrangement, weshalb mich die im Hintergrund tutenden Instrumente etwas an ein Nachtkonzert am Froschteich erinnern. Aber das passt ja dann wieder zum Titel ....




STAR DUST
Fox Trot
Vocal Chorus and Trumpet Solo
by Louis Armstrong
-Parish-Carmichael-
LOUIS ARMSTRONG
and his ORCHESTRA
COLUMBIA 37808
(W 405061)
Recorded Nov. 4, 1931
Original Issue:
Okeh 41530

Im Wachs:
(W) 405061
1-

Besetzung (nach Willems):
Louis Armstrong (tp,voc)
Zilner Randolph (tp)
Preston Jackson (tb)
Lester Boone, George James (as)
Albert Washington (bars)
Charlie Alexander (p)
Mike McKendrick (g)
John Lindsay (b)
Tuby Hall (d)

Diese Nachpressung hat eine seltsam stumpfe und hammerschlagartige Oberfläche. Außerdem ist auf der Rückseite deutlich ein halbmondförmiger Bruch zu sehen und zu hören, der jedoch nicht durchs Material durchgeht. Normalerweise wäre dieser Teil abgefallen. Aber irgendwie hält das Ganze. Kann es sein, dass Columbia nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Staaten Platten mit Pappkern hergestellt hat?

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gramofan
Fr Jun 23 2017, 14:41
Dabei seit: Sa Okt 01 2011, 20:32
Einträge: 683
snookerbee schrieb ...

Kann es sein, dass Columbia nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Staaten Platten mit Pappkern hergestellt hat?

So ist es! Die US-Columbias der Anfang bis Mitte 40er Jahre enthalten durchweg einen Pappkern. Möglicherweise eine kriegsbedingte Sparmaßnahme (?).
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snookerbee
Fr Jun 23 2017, 22:02
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3726
Danke für die Bestätigung. Ich wollte die Platte nicht zerstören, um nachzusehen ...
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Mr_Swingtime
Fr Jun 23 2017, 22:27
Dabei seit: Do Jan 01 1970, 01:00
Einträge: 1337
Ja, das ist auch einer meiner absoluten "Hits" der Schellackzeit. Es gibt eine fast unübersehbare Anzahl von Versionen. Schon allein davon könnte man einen ganzen Sender füllen. Ich habe gerade 40 Versionen alllein in meinen Musikdateien gezählt. Diese Version hier mit Louis steht ganz vorn mit. Vielen vielen Dank, Claus, für die ausführliche Erörterung zu diesem großartigen Musiktitel, der zeitlos wie der Staub der Sterne daherkommt.
Viele Grüße von Reiner.
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Nostalphon
Mo Jun 26 2017, 13:15
Dabei seit: So Apr 06 2014, 08:02
Einträge: 1977
Auch einer meiner Lieblingstitel der Schellackära. Hier in einer Version, die ich noch nicht kannte.

Großartige Sendung!

Vielen Dank dafür
LG Jürgen
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alang
Mo Jul 03 2017, 19:23
Dabei seit: Di Jun 12 2012, 19:52
Einträge: 1102
snookerbee schrieb ...

Danke für die Bestätigung. Ich wollte die Platte nicht zerstören, um nachzusehen ...


Soviel ich weiss sind alle (oder fast alle) Columbia Platten in den USA mit Papierkern hergestellt worden. Ich habe einige aus den 20ern mit abgesprungenen Ecken, da sieht man den Papierkern ganz deutlich. Die Columbias mit dem roten Label aus den 40ern und 50ern haben auch alle den Papierkern. Aus diesem Grund brechen Columbia Platten nicht so leicht, sind aber anfaelliger fuer Laminatrisse, die aber oft kaum hoerbar sind.
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