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451 - Hallelujah - Red Norvo - 1945
Moderatoren: SchellackFreak, berauscht, Grammophonteam, Formiggini, krammofoon, Charleston1966
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snookerbee
So Mär 19 2017, 20:53 Druck Ansicht
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3649

Erst mal etwas Text ...

Als die amerikanische Musikergewerkschaft unter ihrem Boß James Caesar Petrillo für ihre Mitglieder (praktisch alle Instrumentalsolisten und Tanzorchestermusiker) von 1942 bis 1944 ein Aufnahmeverbot aussprach, um für diese Mitglieder eine Beteidigung an der Vermarktung der Platten und das Abspielen in Jukeboxen durchzusetzen, hatte das wichtige Folgen für die Musikgeschichte.

Einerseits begannen die großen Plattenfirmen, die nicht gewillt waren, die Bedingungen der Gewerkschaft zu erfüllen, hauptsächlich Gesangssolisten und Gesangsensembles aufzunehmen, die dem Aufnahmebann nicht unterlagen. Damit wurde das Bigbandsterben beschleunigt, welches bis Ende der 1940er Jahre praktisch alle großen Tanzorchester dahinraffte. Die Bedeutung der Gesangsolisten manifestierte sich dann in den 1950ern durch Sänger wie Frank Sinatra oder Frankie Laine. Bigbands konstant am Leben zu halten erwies sich seither als kommerziell schwierig.

Andererseits gründeten sich in den Metropolen zahlreich kleine und von den Vermarktungswegen der etablierten Plattenfirmen unabhängige Labels, die schneller auf die Forderungen der Gewerkschaft eingingen oder gleich ganz ohne Aufnahmegenehmigung Platten unter Pseudonymen produzierten. Die große Zahl der so genannten Independents machte den großen Firmen das Leben langfristig nicht schwer, da viele der Labels schnell wieder vom Markt verschwanden. Sie hatten einfach nicht genug finanziellen Rückhalt. Für die Musiker des aufkeimenden modernen Jazz in Form des Bebop waren sie allerdings von existentieller Bedeutung. Viele der frühen Bebop-Platten entstanden bei den kleinen Firmen und waren für musikbegeisterte modern eingestellte Hörer ähnlich hip wie Mitte der 1950er Jahre die Sun-Platten des frühen Elvis Presley.

Über diesen Umweg kommen wir nun zur aktuellen Sendung, deren Aufnahme und drei weitere ursprünglich für die kleine Firma Comet in New York entstanden. Die Aufnahmen sollen lt. Wikipedia > CLICK < nicht von der Firma Comet veröffentlicht worden sein. Allerdings widerspricht sich der Artikel selbst, da man Comet-Bestellnummmern auflistet. Wie auch immer, die Firma Comet wurde wohl von Black & White übernommen und dann verkaufte man die Matrizen an die in Kalifornien ansässige Firma Dial, welche eigene Pressungen anfertigete und als "Comet Re-release" veröffentlichte.

Die Story geht noch weiter. Dank eines Forenkollegen konnte ich nun die hier vorgestellte europäische Platte erwerben, die einen Umschnitt einer der vorherigen Pressungen der Comet-Aufnahme verwendet. Der Umschnitt kann gut erkannt werden an dem Einsetzen eines deutlich vernehmbaren Rauschens nach dem Nadeleinlauf. Auch fällt auf, dass diese Pressung, die wahrscheinlich in Schweden oder Dänemark entstand, mit großer Sorgfalt angefertigt wurde. Die Qualität dieser Überspielung der zweiten Generation ist vom Frequenzgang weit besser, als das, was zur Zeit von Orchard & Co als Remaster bei Youtube angeboten wird. Leider fand ich keine genauen Informationen zur "dieser" Plattenfirma Modern Records, da der Name wohl international mehrfach verwendet wurde.

Zur Musik: Auf der 30cm-Platte hören wir ein Ensemble, das um den experimentierfreudigen Xylophonisten/Vibraphonisten Red Norvo gruppiert wurde. Es gibt zwei "Fraktionen" von Musikern: die Swinger und die Modernen. Sie spielen abwechselnd ihre Soli über eine in rasantem Tempo vorgetragenen Ausführung von "Sing Hallelujah" in Form eines gleichberechtigten Wettstreits. Dabei darf jeder Solist einen kompletten Chorus spielen. Der Bandchef selbst spielt zwei Chorusse.

Die modernen Musiker hier sind Dizzy Gillespie und Charlie Parker (meine erste Schellackplatte mit den Beiden!), die durch ihre harmonisch frischen Improvisationen mit damals noch ungewohnten Tonfolgen auffallen. Auch der Schlagzeuger J.C. Heard, der im furiosen Schlussensemble kurze Breaks spielen darf, zählt zu den Neutönern. Man beachte seine nachdrückliche Unterstützung der Soli von Gillespie und Parker durch die hoch energetische Spielweise. Red Norvo, Teddy Wilson und Slam Stewart, mitsummend zu seinem gestrichenen Bassspiel, zählen zu den gestandenen Könnern der Swingära, während Flip Phillips seinen Namen in der kommenden Jahren noch bekannt machen wird als hart swingender Musiker zwischen den Stilen.

Wir hören hier also, um den großen Bogen zu der oben erwähnten Vorgeschichte zu bekommen, eine Musik, die durch die Umstände der Zeit zu einem spannenden frühen Beispiel der modernen Jazzmusik wurde, noch bevor dieser Stil sich allgemein etabliert hatte.

Die Platte ist extrem mitreißend, wie ein Dynamo, der immer mehr Spannung generiert,
und ich bin sehr froh, sie hier präsentieren zu können.
Mehrfaches Hören wird empfohlen!



HALLELUJAH
(Youmans-Robbins-Grey)
RED NORVO
and his sextet
Modern Music M 53
30 cm

Im Wachs: T-1836-A

Original-Matrizennummer: T8-3

Aufnahme: New York, 6. Juni 1945

Red Norvo and his Selected Sextet (Comet)
Red Norvo All Stars (Dial)

Dizzy Gillespie (tp)
Charlie Parker (as)
Flip Phillips (ts)
Red Norvo (vib)
Teddy Wilson (p)
Slam Stewart (b)
J.C. Heard (d)

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[ Bearbeitet So Mär 19 2017, 22:42 ]
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Mr_Swingtime
So Mär 19 2017, 22:09
Dabei seit: Do Jan 01 1970, 01:00
Einträge: 1325
Ja wirklich, eine ganz besonders heiße Scheibe mit einer hervorragenden Band, bei der jeder Name für sich spricht. Ein tolles Hallelujah am Sonntagabend! Vielen Dank für diese heiße Sendung von Reiner!
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Nostalphon
Mo Mär 20 2017, 17:20
Dabei seit: So Apr 06 2014, 08:02
Einträge: 1914
Bin schon beim dritten Durchgang :-)
Sehr beeindruckende Präsentation. Ich finde es sehr interessant zu erfahren, dass durch die Marktpolitik der Plattenfirmen, sowie durch die Bedingungen der Gerwerkschaften der Bebop entstanden ist.

Vielen Dank für diese Sendung
LG Jürgen
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snookerbee
Mo Mär 20 2017, 21:27
Dabei seit: Fr Apr 15 2011, 20:12
Einträge: 3649
Schön, dass die Platte Dich interessiert, Jürgen

Ich würde allerdings nicht sagen, dass der Bebob durch den Aufnahmebann der Gewerkschaften bzw. die Marktpolitik der Firmen entstand. Denn in der Zeit von 1941 bis 44, als die wichtigsten Floskeln dieser neuen Musik entstanden, konnten ja auch Bebop-Musiker keine Aufnahmen machen.

Die Musik selbst lag einfach irgendwie in der Luft, da ab Ende der 1930er Jahre improvisierende Solisten durch die Arrangements der Bigbands oft nicht genügend Freiraum bekamen, um ihre Spielweise zu entwickeln. Sie waren unzufrieden und suchten nach einem neuen Rahmen für ihre Ideen. Diesen Rahmen fanden die interessierten Musiker in den nächtlichen Sessions u.a. im Mintons Playhaus, einem Lokal in Harlem, wo sich im Laufe der Zeit eine Art Community der neuen Musikform bildete. Musiker gingen ein und aus, Jeder spielte mit Jedem, Ideen wurden entwickelt und waren bald Allgemeingut unter den Beteidigten. Neue Kontakte konnen geknüpft werden, um den Musikern Arbeit in einem inspirierenden Umfeld zu verschaffen.

Als dann der Aufnahmebann beendet war, konnten die modernen Musiker bei den kleinen Plattenfirmen praktisch sofort Aufnahmen machen und ihre Ideen vverewigen, da diese Labels so ziemlich alles aufnahmen, was sich irgendwie verkaufen ließ. Die Aufnahmegruppen hatten oft Combobesetzung, um in diesem Rahmen genug Solozeitraum auf der Platte zur Verfügung zu haben für alle Mitspieler.

Die großen Firmen brauchten erst eine Weile, um den modernen Jazz für sich zu "entdecken". 1946/47, als der Bebob schon richtig populär war konnte Dizzy Gillespie dann auch bei RCA aufnehmen.

VG Claus
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Nostalphon
Di Mär 21 2017, 13:59
Dabei seit: So Apr 06 2014, 08:02
Einträge: 1914
Danke für die ergänzende Erklärung, Claus.

Mintons Playhouse im Netz:
> CLICK < > CLICK <

Hochauflösendes Foto von Thelonious Monk and Howard McGhee in Mintons Playhouse
> CLICK <

Minton's Playhouse and Charlie Christian (Artikel im Netz)
> CLICK <
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78erhortig
Do Mär 23 2017, 10:25
Dabei seit: Do Apr 04 2013, 12:53
Einträge: 1092
Richtig Claus, und bei vielen Aufnahmen wird ( und das auch scheinbar den Musikern) die Richtung noch nicht wirklich klar, daher umso wichtiger, diese stufenweise Entwicklung auf Platte mitzuerleben.

Michael
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alang
Mo Mär 27 2017, 04:09
Dabei seit: Di Jun 12 2012, 19:52
Einträge: 1102
Wirklich eine heisse Scheibe. Kein Wunder bei der Besetzung. Vielen Dank fuers Vorstellen und die Hintergrundinformationen.
Andreas
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